Ich sitze hier, denke nach und frage mich ehrlich gesagt ziemlich oft: Wie zur Hölle bin ich eigentlich an diesen Punkt gekommen?
Meine ADHS-Diagnose habe ich schon seit etwa 2009. Damals gab es Ritalin für mich. Und wisst ihr was? Es hat geholfen. Meine ständige Angst und diese quälenden Panikattacken legten sich endlich. Ich fühlte mich gut, fasste wieder Fuß.
Und dann? Habe ich den typischen Fehler gemacht, den wahrscheinlich extrem viele von uns kennen: Es ging mir ja besser, also brach ich einfach alles ab. Sowohl die Verhaltenstherapie als auch die Medikamente. „Brauche ich nicht mehr, läuft doch!“, dachte mein Kopf.
Anfangs ging das auch tatsächlich gut. Klar, das übliche ADHS-Chaos, das wir alle im Rucksack mit uns herumschleppen, blieb. Aber ich schlug mich durch: Es folgten einige Beziehungen, ich wurde mit der Zeit irgendwie ein bisschen erwachsen und führte schließlich sogar eine Ehe, die ganze 10 Jahre hielt. Als die dann doch in die Brüche ging, folgten wieder neue Beziehungen (zu dem ganzen Beziehungsthema schreibe ich definitiv noch einen eigenen Beitrag, das sprengt sonst hier den Rahmen).
Aber tief in mir drin passierte während all dieser Jahre etwas schleichendes.
Die Wut, die Schärfe und der totale Druck
Ich merkte immer öfter, dass sich innerlich gewaltig etwas veränderte. Meine Impulsivität wurde langsam, aber stetig immer schlimmer.
Meine Zündschnur wurde kürzer und kürzer – bis sie irgendwann einfach gar nicht mehr existierte. Ein einziges falsches Wort, ein falscher Blick von jemandem, und ich ging komplett an die Decke. Ich merkte selbst, wie ich immer aggressiver und beleidigender wurde. Ich hatte einfach nur noch die Schnauze voll von Menschen, von den ständigen Erwartungen und dem Dauer-Druck um mich herum. Eine schleichende „Lebensmüdigkeit“ breitete sich in mir aus.
Das Schlimmste daran war diese ständige, innere Aggression. Sie hat mich selbst extrem belastet. Du merkst, dass du wegen Kleinigkeiten explodierst, und kannst es in dem Moment einfach nicht stoppen.
Reißleine ziehen – Bevor gar nichts mehr geht
Irgendwann ging es nicht mehr. Ich musste die Reißleine ziehen, bevor ich mein Leben völlig gegen die Wand fahre.
Ich bin zum Hausarzt, habe mich krankschreiben lassen und am Ende meinen Job gekündigt. Der Druck war einfach weg von Gut und Böse. Suchende Hilfe fand ich dann beim Sozialpsychiatrischen Dienst – und ich muss an dieser Stelle wirklich mal sagen: Ich bin unendlich dankbar, dass es diese Anlaufstelle gibt. Das war für mich damals der absolute Wegweiser aus der Dunkelheit.
Über den Dienst fand ich schließlich den Mut, mir wieder einen Psychiater zu suchen. Drei Monate später hatte ich meinen Termin, kramte meine alten Berichte von 2009 wieder raus und saß im Sprechzimmer.
Wir versuchten es erst mit Lisdexamfetamin. Das half leider nur bedingt, auch nach einer Dosiserhöhung hielt sich der Erfolg in Grenzen. Schließlich kam noch ein Antidepressivum dazu, das auch nochmal erhöht werden musste.
Wo stehe ich heute?
Im Vergleich zu vorher ist meine extreme Impulsivität glücklicherweise spürbar gesunken. Stimmungsschwankungen habe ich zwar immer noch, aber sie sind wieder aushaltbar geworden. Zusätzlich mache ich jetzt Ergotherapie und Psychotherapie. Auf den Platz musste ich erstaunlicherweise nur etwas über einen Monat warten – aber ehrlich gesagt ist das reines Glück und hängt extrem von der Region ab. Im Nachbarlandkreis war weit und breit kein Arzt zu bekommen, im anderen ging es plötzlich ohne Probleme… naja, nun denn. Es läuft jedenfalls erst einmal, und ich bin gespannt, wie sich das noch entwickelt.
Die Fragen, die mir keine Ruhe lassen
Der Fakt ist einfach: Meine Symptome haben sich über die Jahre stetig verschlechtert. So sehr, dass die Lebensfreude irgendwann komplett futsch war – und selbst mit Medikamenten kommt sie nicht einfach so auf Knopfdruck zurück.
Ich stelle mir heute oft Fragen, auf die ich einfach keine Antwort habe:
Wird sich das in Zukunft noch weiter verschlechtern? Oder kann es sich auch wieder richtig verbessern?
Kann ich irgendwann das Vertrauen in die Menschen und das Leben wieder zurückerlangen?
Und werde ich irgendwann in der Zukunft jemals wieder ganz ohne Medikamente auskommen?
Es sind verdammt viele Fragen. Ich kann sie mir aktuell selbst nicht beantworten.
Könnt ihr es vielleicht? Habt ihr bei euch selbst auch gemerkt, dass das ADHS mit den Jahren oder nach schweren Lebensphasen anders oder aggressiver geworden ist? Wie geht ihr damit um?
Lasst uns ehrlich darüber sprechen. Ich freue mich auf eure Kommentare!