Wenn wir über das Thema Beziehungen mit ADHS (oder auch AuDHD) sprechen, müssen wir eines klarmachen: ADHS ist nicht gleich ADHS.
Es ist enorm facettenreich, individuell und hat unzählige Gesichter. Ich persönlich finde meinen eigenen „Gehirn-Kobold“ jedenfalls verdammt komplex und manchmal verdammt schwierig zu greifen.
Trotzdem gibt es Muster, die extrem viele Betroffene aus ihren Partnerschaften kennen – allen voran das große Thema Kommunikation.
Das Schema 100 auf 0: Das ständige Dejavu
Wenn ich mein eigenes Leben rückblickend betrachte, verläuft es oberflächlich gesehen oft nach demselben Schema:
- Man lernt sich (oft online) kennen und schreibt viel.
- Man trifft sich, es knallt emotional, man kommt sich schnell nah und geht rasch eine feste Bindung ein.
- Nach etwa 4 bis 8 Monaten – meistens stur nach einem halben Jahr – ist plötzlich Schluss.
Besonders bitter ist meistens die Art und Weise: Von der einen Seite kommt von jetzt auf gleich nichts mehr. Das Gefühl, von 100 auf 0 heruntergebremst zu werden, ohne sanften Übergang.
Ich möchte damit niemandem die Schuld zuschieben, außer mir selbst für die Frage, warum ich immer wieder auf dasselbe Muster hineinfalle. Aber jede einzelne dieser Trennungen macht ein Stück weit müder. Mit der Zeit keimen die Selbstzweifel ganz von alleine auf.
Reden wir Betroffene eine eigene Sprache?
Was mir dabei explizit aufgefallen ist, betrifft die Art und Weise der Kommunikation.
Manchmal stelle ich mir die ehrliche Frage: Sprechen wir mit ADHS/AuDHD eigentlich eine ganz eigene Sprache? Haben wir eine andere Ausdrucksweise?
Viele Betroffene – mich eingeschlossen – erleben im Beziehungsalltag immer wieder dasselbe Phänomen:
- Positive Intention, negative Wirkung: Man möchte etwas völlig harmlos erzählen oder eine Sache anmerken. Für einen selbst ist die Aussage neutral oder sogar absolut positiv gemeint.
- Das Missverständnis: Beim neurotypischen Gegenüber kommt es aber plötzlich als Vorwurf, Aggression oder Kritik an.
- Der Aufschaukel-Effekt: Aus einer normalen Unterhaltung entwickelt sich aus dem Nichts ein Streit. Man versucht sich zu erklären, verhaspelt sich erst recht und fühlt sich zunehmend in die Ecke gedrängt.
Wenn der Kopf in der Diskussion „Streik“ anmeldet
Wenn sich solche Situationen hochschaukeln, gerät das Nervensystem in Reizüberflutung. Bei mir fühlt sich das in extremen Momenten wie eine plötzliche Demenz an: Ich weiß in diesem Moment schlichtweg nicht mehr, was ich in den letzten Minuten eigentlich genau gesagt oder gemeint habe.
Es ist extrem schwer, sich in solchen Momenten anzupassen oder das Ruder herumzureißen, wenn beide Seiten auf völlig unterschiedlichen Frequenzen senden.
„Ich kenne ADHS, ich habe Kinder damit!“ 😅
Ein Punkt, über den ich rückblickend fast schon schmunzeln muss: Wenn ich merke, dass es ernst wird, frage ich mein Gegenüber meistens mehrmals, ob sie sich wirklich sicher ist, sich auf mich und mein Chaos einzulassen. Das wird jedes Mal überzeugt bejaht.
Besonders häufig kommt dann das Argument: „Ach, ich habe Kinder, die haben auch ADHS – ich kenne das und komme damit absolut klar!“
So lieb das gemeint ist: ADHS bei Kindern ist eine ganz andere Hausnummer als eine Partnerschaft mit einem erwachsenen Betroffenen auf Augenhöhe. Ein Kind begleitet man erzieherisch; mit einem Partner teilt man Beziehungsdynamiken, Emotionen, Alltagssorgen und eben auch komplexe Kommunikation.
Wie geht es euch damit?
Die Fragen, die nach solchen Erfahrungen zurückbleiben, beschäftigen viele von uns:
- Liegt es an unserer ungefilterten, direkten Art zu sprechen?
- Verstehen wir Wörter und Tonalitäten einfach grundlegend anders als Menschen ohne ADHS?
- Oder fehlt es schlichtweg auf beiden Seiten an den richtigen „Übersetzern“ im Alltag?
Wie erlebt ihr die Kommunikation in euren Beziehungen? Kennt ihr dieses Gefühl, eigentlich etwas Nettes sagen zu wollen und plötzlich mitten im Streit zu stehen?
Schreibt eure Erfahrungen gerne in die Kommentare – ich bin sehr gespannt auf eure Perspektiven!
Euer Dennis